Heiliger Müll?

Symbolic picture for the article. The link opens the image in a large view.

Verborgene Schätze auf dem Dachboden: Das Geheimnis der fränkischen Genizot

Haben Sie schon einmal davon gehört, dass alte Dachböden in Synagogen weit mehr beherbergen können als nur Staub und Vergessenheit? Seit den 1980er Jahren wurden in Mitteleuropa – und ganz besonders hier im fränkischen Raum – über siebzig sogenannte Genizot (Hebräisch für „Repositorien“ oder Ablageorte) wiederentdeckt.

Doch was genau verbirgt sich hinter diesem faszinierenden Begriff?

Ein heiliger „Safe“ für das geschriebene Wort

Eine Geniza ist ein spezieller Raum in oder nahe einer Synagoge. Sie diente über Jahrhunderte als letzte Ruhestätte für Texte und Artefakte, die nicht mehr gebraucht wurden, aber zu heilig waren, um sie einfach wegzuwerfen. Ob beschädigte Gebetbücher, aussortierte Schriften oder sogar häretische Texte – alles, was den Namen Gottes trug, fand hier seinen Platz.

Mehr als nur Altpapier: Magie und Mystik

Warum aber betrieben die Gemeinden diesen Aufwand? Unser BaFID-Experte für das Judentum, Dr. Nathanael Riemer, ist dieser Frage auf den Grund gegangen. In seinem aktuell erschienenen Artikel beleuchtet er die Hintergründe dieses Phänomens in Mitteleuropa.

Seine Forschung zeigt eine spannende Verbindung auf: Die emotionale und spirituelle Bedeutung der Genizot ist eng mit der Verbreitung der Kabbala in der Frühen Neuzeit verknüpft. Die abgelegten Schriftstücke waren für die Menschen damals weit mehr als Makulatur:

  • Magischer Schutz: Da die Texte den heiligen Gottesnamen in hebräischen Lettern enthielten, galten sie als kraftvolle Schutzmittel gegen Unheil.
  • Spirituelle Brücke: Man glaubte, dass diese Orte wie eine Art „Portschlüssel“ fungierten, die die irdische Gemeinde direkt mit der himmlischen Welt verbinden konnten.

Jetzt lesen: Forschung für alle zugänglich

Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind nicht nur für Fachleute spannend, sondern werfen ein ganz neues Licht auf das jüdische Erbe in unserer Region.

Der vollständige Artikel von Dr. Nathanael Riemer ist in der US-amerikanischen Fachzeitschrift „Jewish Folklore and Ethnology“ (Wayne University Press) erschienen. Das Beste daran: Er ist ab sofort als kostenloses Open-Access-PDF verfügbar.

👉 [Hier geht es zum Download des Artikels]

Riemer, Nathanael (2025) „“Holy Trash” and the Tears of the Deceased: The Emotional Role of Genizot for the Jewish Communities of Central Europe,“ Jewish Folklore and Ethnology: Vol. 4: Iss. 1, Article 1.