Kontinuität und Diversität: Band 2 des Handbuchs der Koranhermeneutik erschienen

Mit der Veröffentlichung von Band 2 des „Handbuchs der Koranhermeneutik“ erreicht das internationale Großprojekt unter dem Herausgeber Prof. Dr. Georges Tamer einen weiteren bedeutenden Meilenstein. Der neue Teilband widmet sich der formativen und dynamischen Phase der koranischen Exegese vom 9. bis zum frühen 13. Jahrhundert.

Die Epoche zwischen dem 9. und dem frühen 13. Jahrhundert gilt als eine der fruchtbarsten Perioden der islamischen Geistesgeschichte. In dieser Zeit entwickelte sich die Koranhermeneutik zu einem methodisch hochdifferenzierten Feld, das durch ein spannungsreiches Verhältnis von bewahrender Tradition und intellektueller Innovation geprägt war.

Zwischen authentischer Überlieferung und philologischer Analyse

Ein zentrales Merkmal dieser Ära war das tiefe Engagement für die authentische Überlieferung (naql). Die Gelehrten nutzten präzise autorisierte Überlieferungsketten (isnād), um prophetische Berichte und die Deutungen der frühen Muslime (Sira und Hadith) für die Nachwelt zu sichern.

Parallel dazu etablierten sich sprachwissenschaftliche und philologische Analysen als unverzichtbare Werkzeuge. Die Exegeten untersuchten die rhetorischen Besonderheiten, die Grammatik und die stilistische Einzigartigkeit der koranischen Sprache, um deren vielschichtige Bedeutungsebenen zu erschließen.

Systematik und Pluralität

Die exegetischen Werke dieser Zeit zeichnen sich durch einen hohen Grad an systematischer Organisation aus:

  • Vers-für-Vers-Kommentare: Umfassende Erläuterungen des gesamten Textkorpus.
  • Thematische Abhandlungen: Tiefgehende Analysen zu spezifischen theologischen oder rechtlichen Fragestellungen.
  • Methodische Vielfalt: Trotz geteilter Grundprinzipien reagierten die Autoren flexibel auf den sich wandelnden intellektuellen, kulturellen und politischen Kontext ihrer Zeit.

Das Ergebnis ist eine plurale und bis heute nachwirkende Interpretationstradition, der es gelang, die Bewahrung des Erbes mit zeitgenössischer intellektueller Dynamik in Einklang zu bringen.

Über das Gesamtprojekt

Das „Handbuch der Koranhermeneutik“ ist das erste Standardwerk seiner Art, das die Geschichte der Koranauslegung in ihrer Gesamtheit darstellt.

  • Internationalität: Über 130 renommierte Forscherinnen und Forscher aus aller Welt wirken an dem Gesamtwerk mit.
  • Umfang: Es bietet einen umfassenden Überblick über ein ebenso diverses wie intensiv diskutiertes Forschungsfeld.
  • Bedeutung: Das Handbuch schließt eine Forschungslücke, indem es sowohl die methodischen Grundlagen als auch die historische Entwicklung der Hermeneutik systematisch aufbereitet.

Mit Band 2 liegt nun ein weiteres zentrales Puzzlestück vor, das das Verständnis für die Entwicklung der islamischen Schriftauslegung in ihrer Blütezeit maßgeblich vertieft.

Tamer, Georges (Hrsg.)(2026) „Handbuch der Koranhermeneutik“, De Gruyter Brill. Band 2: Koranhermeneutik vom9. bis 12. Jhdt