Ein Zufallsfund auf einem Dachstuhl in Schnaittach eröffnet uns heute faszinierende Einblicke in den Alltag des ländlichen Judentums an der Schwelle zur Moderne. Eine neue Publikation des Jüdischen Museum Franken in Fürth, einem Kooperationspartner des BaFID widmet sich dem Nachlass von Mayer Bretzfeld (1747-1823), dem letzten bayerischen Landesrabbiner.
Mehr als nur offizielle Dokumente
Während staatliche Archive meist nur über Recht und Verwaltung berichten, gewähren diese Privatbriefe einen ungefilterten Blick in die „unteren Stockwerke“ des jüdischen Lebens. Sie erzählen von Themen, die in großen Geschichtsdarstellungen oft fehlen:
- Innerfamiliäre Verhältnisse: Einblicke in Erziehung, Sorgen und Alltag.
- Heiratsvermittlung: Mayer Bretzfeld agierte zusammen mit seinem Schwiegersohn als Heiratsvermittler unter fränkischen Juden.
- Menschliche Regungen: Selbst voreheliche Liebeleien und die Herausforderungen des Analphabetismus werden in der Korrespondenz greifbar.
Ein Rabbiner in Zeiten des Umbruchs
Mayer Bretzfeld, 1747 in Pretzfeld geboren, wirkte zunächst in Adelsdorf und Höchstadt, bevor er 1801 Landesrabbiner der Verbundgemeinden Ottensoos, Schnaittach, Forth und Hüttenbach wurde. Seine Amtszeit war geprägt von der Napoleonischen Zeitenwende.
Mit der Aufhebung der autonomen jüdischen Gerichtsbarkeit im Jahr 1808 änderte sich das Berufsbild des Rabbiners grundlegend: Weg vom Gemeinderichter hin zu einer stärker seelsorgerischen und rituellen Rolle. Da damit auch Gebühren wegfielen, wurden Nebenverdienste wie die Heiratsvermittlung lebensnotwendig – ein Umstand, der den Briefwechsel maßgeblich prägte.
„Der Stoff, aus dem die Diaspora war“
Mitherausgeber Carsten Wilke betont die enorme Bedeutung der Briefkultur für den Zusammenhalt des über viele Dörfer zerstreuten fränkischen Judentums. Die durch Heiratsvermittlung verschwägerten Familien pflegten durch Briefe und gegenseitige Besuche zu religiösen Festen ein Netzwerk, das die ländliche Diaspora erst stabilisierte.
Wissenschaftliche Tiefe und Zugänglichkeit
Die Publikation bietet neben den akribisch edierten Briefen vier Fachartikel, die den kulturhistorischen und religiösen Kontext beleuchten.
Daniela F. Eisenstein/Carsten L. Wilke (Hg.): Mayer Bretzfeld (1747–1823) – der letzte bayerische Landesrabbiner. Ergon Verlag 2025 (= Franconia Judaica; Bd. 11).
Eine längere Rezension von Dr. Nathanael Riemer erschien in: David. Jüdische Kulturzeitschrift (2026), Nr. 148, S. 68-69.
