Wir freuen uns, die Veröffentlichung eines weiteren zentralen Bausteins in der internationalen Koranforschung bekannt zu geben: Band 6 des Handbuchs der Koranhermeneutik, herausgegeben von Prof. Dr. Georges Tamer, ist im Verlag De Gruyter Brill erschienen.
Das auf insgesamt sieben Bände angelegte Gesamtwerk stellt das erste systematische Referenzprojekt dar, das die Hermeneutik des Korans in ihrer gesamten historischen und methodischen Breite abbildet. Mit Beiträgen von über 130 international renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern setzt dieses Handbuch neue Maßstäbe für das Verständnis der islamischen Schrift in ihren vielfältigen Kontexten.
Ein umfassender Blick auf die Auslegungstraditionen
Das von Georges Tamer geleitete Großprojekt verfolgt einen innovativen Ansatz: Es beschränkt sich nicht auf die klassische Koranexegese (tafsīr), sondern weitet den Blick auf alle Disziplinen, die den Koran hermeneutisch reflektiert haben. Dazu gehören:
- Philosophie und Theologie
- Rechtsprechung und Mystik
- Philologie und Literaturwissenschaft
Dadurch wird deutlich, dass die Koranhermeneutik kein isoliertes Genre ist, sondern stets im Zentrum umfassender intellektueller und kultureller Debatten stand.
Fokus Band VI: Koranhermeneutik durch Nicht-Muslime
Der nun vorliegende sechste Band widmet sich explizit den nicht-muslimischen Zugängen zur islamischen Schrift. Auf 450 Seiten beleuchten 21 Fachbeiträge (plus Einleitung), wie der Koran über Jahrhunderte hinweg aus unterschiedlichen Motivationen heraus gelesen, übersetzt und analysiert wurde.
Vom Polemik zum wissenschaftlichen Diskurs
Historisch war die christliche oder jüdische Auseinandersetzung mit dem Koran oft von apologetischen oder polemischen Interessen geleitet. Die Beiträge in diesem Band zeigen jedoch eindrucksvoll den Wandel auf:
- Moderne Perspektiven: Zeitgenössische Forscherinnen und Forscher nutzen heute differenzierte, kritisch-reflektierte Methoden, die über alte Vorurteile hinausgehen.
- Diskursiver Charakter: Der Band unterstreicht die Rolle des Korans als Text der Spätantike, der biblische Traditionen aufgreift und neu konfiguriert.
- Thematische Vielfalt: Analysiert werden unter anderem Fragen der sprachlichen Struktur, des historischen Kontexts sowie die Geschichte der Koranübersetzungen.
Bedeutung für den interreligiösen Dialog
Für das BaFID ist dieser Band von besonderem Interesse, da er die Verflechtungen zwischen den Religionen auf wissenschaftlicher Ebene sichtbar macht. Er lädt dazu ein, den Koran nicht nur als innerislamisches Dokument, sondern als Teil eines gemeinsamen religiösen und kulturellen Erbes zu verstehen, das zu immer neuen Interpretationen anregt.
